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Fallzahlen unverändert hoch – Wissenschaftler mahnen: Folsäure-Anreicherung kann das Vorkommen angeborener Fehlbildungen deutlich senken

Schwerwiegende Fehlbildungen bei ungeborenen Kindern treten in Europa seit vielen Jahren unverändert häufig auf – auch in Deutschland. Als Grund nennen Wissenschaftler die trotz aller Aufklärungsbemühungen noch immer unzureichende Folatversorgung werdender Mütter. [1,2,3] Eine Auswertung europäischer Registerdaten von 1991 bis 2011 zeigt ein gleichbleibend hohes Niveau: [2] Auf 10.000 Schwangerschaften kommen demnach etwa 9 Fälle sogenannter Neuralrohrdefekte (wie Spina bifida und Anenzephalie). Allein in Deutschland gibt es schätzungsweise bis zu 1.000 solcher Fälle pro Jahr, in Europa sind es rund 5.000. [2,3] Wenigstens die Hälfte aller Neuralrohrdefekte ließe sich durch eine ausreichende mütterliche Versorgung mit dem B-Vitamin Folat (auch: Folsäure*) leicht verhindern. Darauf weist der Arbeitskreis Folsäure und Gesundheit (www.ak-folsaeure.de) hin und zeigt, wie dies gelingen kann: „Die Kombination aus gesunder Ernährung, Einnahme von Folsäure-Präparaten bei Frauen mit Kinderwunsch und Verwendung von mit Folsäure angereicherten Grundnahrungsmittel, wie zum Beispiel in Deutschland bestimmte Speisesalze, kann die Versorgung effektiv verbessern“, erläutert AK-Folsäure-Sprecher des Prof. Dr. Berthold Koletzko.

„Die Folatversorgung, insbesondere von Risikogruppen wie Schwangeren, verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit von Politik und breiter Öffentlichkeit“, so Koletzko weiter. Die Daten zeigten, dass es in Europa über Jahrzehnte praktisch nicht gelungen sei, das Vorkommen an Neuralrohrdefekten zu reduzieren, obwohl eine zentrale Ursache schon lange bekannt sei: Ein erheblicher Teil der Fehlbildungen, wenigstens die Hälfte, lässt sich auf eine mangelhafte Folatversorgung zurückführen. [3] Wissenschaftler sprechen mit Blick auf Europa von einer Epidemie verglichen mit Ländern wie den USA, wo einige Mehlsorten obligatorisch mit Folsäure angereichert werden. [1] Neuralrohrdefekte treten dort nur etwa halb so häufig auf. Die Fehlbildungen entstehen, wenn sich das embryonale Neuralrohr im Frühstadium, zwischen dem 22. und 28. Tag einer Schwangerschaft, nicht richtig schließt. Die beiden Hauptformen sind Spina bifida (auch bekannt als „offener Rücken“) und Anenzephalie, bei der große Teile des Gehirns fehlen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt generell eine täglich Einnahme von 300 Mikrogramm Folsäure/Folat. Für Schwangere und Stillende sind es sogar 550 bzw. 450 Mikrogramm. Tatsächlich aufgenommen werden in Deutschland aber durchschnittlich nur rund 200 Mikrogramm, wie die Nationale Verzehrsstudie II gezeigt hat. [4]


Folat-Versorgung verbessern: Das können deutsche Verbraucher tun
Schon Frauen, die schwanger werden wollen, sollten täglich ein Folsäure-Präparat mit mindestens 400 Mikrogramm Folsäure einnehmen. So lässt sich für den Zeitpunkt des embryonalen Neuralrohrschlusses – zu dem Frauen meist noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind – ein präventiv wirksamer Folatspiegel aufbauen. Koletzko zufolge wird diese Empfehlung jedoch nach wie vor nur unzureichend umgesetzt. Auch deshalb, weil nur etwa die Hälfte aller Schwangerschaften geplant ist. Generell sollten alle Verbraucher auf eine folatreiche Ernährung achten mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten. Zusätzlich können mit Folsäure angereicherte Grundnahrungsmittel im Haushalt genutzt werden. In Deutschland gibt es entsprechende Angebote zum Beispiel beim Speisesalz.


Europäische Registerdaten zeigen Entwicklung
Forscher um Prof. Dr. Rima Obeid von der Universität in Aarhus, Dänemark, analysierten mit Daten des europäischen Registers EUROCAT (European Surveillance of Congenital Anomalies) das Auftreten von Neuralrohrdefekten. [1] Eine Stichprobe für die Jahre 2000 bis 2010 umfasste mehr als neun Millionen Schwangerschaften. Bei 8.400 wurde ein Neuralrohrdefekt beobachtet – eine Rate von 9,17 Fällen pro 10.000 Schwangerschaften. Für Deutschland ergaben die wenigen verfügbaren Daten hochgerechnet sogar überdurchschnittliche 10,76 Fälle. Zum Vergleich: In den USA werden lediglich etwa 5 bis 6 Fälle verzeichnet. [3]

Eine noch größere Zeitspanne analysierte ein Team um Dr. Babak Khoshnood, Paris. [2] Basis waren wiederum Daten von EUROCAT, diesmal von 1991 bis 2011. Auch diese Studie ergab eine Rate von 9,1 Neuralrohrdefekten pro 10.000 Schwangerschaften. Die Autoren konstatieren, dass die Prävalenz von Neuralrohrdefekten über den Zeitraum von 20 Jahren praktisch nicht zurückgegangen ist. Und das trotz aller Apelle zur Folsäure-Supplementation vor der Schwangerschaft und existierender Angebote an freiwillig mit Folsäure angereicherten Grundnahrungsmitteln. Gesunken ist allein die Zahl der Geburten von Kindern mit einem Neuralrohrdefekt. Wie das Autorenteam um Obeid1 feststellte, werden nach einer entsprechenden vorgeburtlichen Diagnose heute etwa 70 Prozent der Schwangerschaft abgebrochen. „Im Alltag sehen Ärzte deshalb seltener Kinder mit diesen Fehlbildungen. Das bedeutet jedoch leider nicht, dass die Vorsorge greift“, kommentiert Koletzko.


Erhöhte Folsäure-Aufnahme sicher
Im Gegensatz zu den europäischen Staaten reichern mehr als 70 Länder weltweit Grundnahrungsmittel obligatorisch mit Folsäure an. In den USA zum Beispiel gilt dies schon seit 1998 für bestimmte Mehlsorten. Neuralrohrdefekte treten seitdem um etwa 50 Prozent seltener auf. Außerdem reduzierte sich in den USA der durchschnittliche Gehalt an Homocystein, ein möglicherweise gefäßschädigendes Stoffwechselprodukt, im Blut, und auch die Schlaganfall-Häufigkeit ging zurück. [5,6,7] Negative Effekte wurden nicht beobachtet, das Krebsrisiko etwa blieb unverändert. [8] Die Sicherheit von Folsäure wurde darüber hinaus in groß angelegten kontrollierten Studien bestätigt, zum Teil mit sehr hoher Dosierung von 2,5 mg Folsäure pro Tag. [9] Insgesamt kann die angestrebte höhere Versorgung der Bevölkerung mit Folsäure/Folat auch über geeignete, angereicherte Grundnahrungsmittel für alle Altersgruppen als unbedenklich gelten.


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* Folat und Folsäure: Die verschiedenen folatwirksamen Verbindungen in Lebensmitteln bezeichnen Experten mit dem Sammelbegriff Folat(e). Folsäure ist die Bezeichnung für die Vitaminform, die bei der Anreicherung von Lebensmitteln zugesetzt wird oder in Supplementen enthalten ist.


Quellen:
1) Obeid R, Pietrzik K, Oakley GP Jr, Kancherla V, Holzgreve W, Wieser S. (2015): Preventable Spina Bifida and Anencephaly in Europe. Birth Defects Research (Part A): Clinical and Molecular Teratology. 2015 Birth Defects Res A Clin Mol Teratol. Sep;103(9):763-71.
2) Khoshnood et al. (2015): Long term trends in prevalence of neural tube defects in Europe: population based study. BMJ; 351 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.h5949.
3) Obeid R, Oexle K, Rißmann A, Pietrzik K, Koletzko B. (2016): Folate status and health: challenges and opportunities. J Perinat Med. Apr 1;44(3):261-8. doi: 10.1515/jpm-2014-0346.
4) Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (2012): 12. Ernährungsbericht. 40–85.
5) Pfeiffer CM, Hughes JP, Lacher DA, Bailey RL, Berry RJ, Zhang M, et al. (2012): Estimation of trends in serum and RBC folate in the U.S. population from pre- to postfortification using assay-adjusted data from the NHANES 1988–2010. J Nutr. 142:886–93.
6) Pfeiffer CM, Osterloh JD, Kennedy-Stephenson J, Picciano MF, Yetley EA, Rader JI, et al. (2008): Trends in circulating concentrations of total homocysteine among US adolescents and adults: findings from the 1991–1994 and 1999–2004 National Health and Nutrition Examination Surveys. Clin Chem. 54:801–13.
7) Yang Q, Botto LD, Erickson JD, Berry RJ, Sambell C, Johansen H, et al. (2006): Improvement in stroke mortality in Canada and the United States, 1990 to 2002. Circulation 113:1335–43.
8) Gibson TM, Weinstein SJ, Pfeiffer RM, Hollenbeck AR, Subar AF, Schatzkin A, et al. (2011): Pre- and postfortification intake of folate and risk of colorectal cancer in a large prospective cohort study in the United States. Am J Clin Nutr. 94:1053–62.
9) Vollset et al. (2013): Effects of folic acid supplementation on overall and site-specific cancer incidence during the randomized trials: meta-analyses of data on 50,000 individuals. Lancet. Mar 23;381(9871):1029-36.

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